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    CosmeticBusiness 2017: Von Naturkosmetik bis Brexit

    26.07.17 | 08:30 Uhr

    Informationsveranstaltung des IKW greift aktuelle Herausforderungen für die europäische Kosmetikindustrie auf

    Am zweiten Messetag der CosmeticBusiness 2017 wurde erstmalig eine Informationsveranstaltung des Industrieverbandes Körperpflege- und Waschmittel e.V. (IKW) in das Fachprogramm integriert. Die Vortragsreihe griff aktuelle politische Entwicklungen auf und gab Auskünfte über die derzeitigen Herausforderungen für die europäische Kosmetikindustrie.

    Naturkosmetik – ein Definitionsvakuum

    Mit zunehmendem Nachhaltigkeitsbewusstsein innerhalb der Gesellschaft gewann auch die Naturkosmetik in den letzten Jahren an Bedeutung und entwickelte sich zum Lifestyle-Produkt. In seinem Vortrag blickte Dr. Jens Burfeindt, wissenschaftlicher Koordinator des IKW, darum auf den boomenden Markt für Naturkosmetik und gab einen Überblick über betreffende Anforderungen des EU-Kosmetikrechts, Standards, Siegel und Normen. Der Experte wies das Publikum auf die Herausforderungen bei der eindeutigen Einstufung der Produkte hin. Es sei eine Vielzahl an Kosmetikprodukten am Markt, die mit einer „Natürlichkeit“ des Produktes oder einzelner Inhaltsstoffe werben.

    Wenig Klärung verschaffen laut Dr. Burfeindt Gesetze und Leitlinien, die in Bezug auf Naturkosmetik vage bleiben. In der europäischen Kosmetikverordnung beispielsweise wird der Begriff „Natur“ nicht einmal erwähnt. Da eine offizielle regulatorische Begriffsbestimmung bis zum heutigen Tag fehlt, stehen für den Experten hier vielmehr Standards und Siegel im Vordergrund, die besser definieren, ob Produkte den Anspruch „Naturkosmetik“ erfüllen. So bildete sich 2008 beispielsweise eine gemeinsame Arbeitsgruppe des IKW sowie des internationales Verbandes Natrue und überarbeitete die in den Jahren 1992/1993 entstandenen ersten Kriterien für Naturkosmetik. Auf wissenschaftlicher Basis wurden hier transparente und strenge Standards festgelegt, die für die erfolgreiche Vermarktung moderner Naturkosmetika praktikabel sind, so Dr. Burfeindt.

    Neben der Natrue-Zertifizierung gibt es außerdem das Naturkosmetiksiegel des Bundesverbandes der Industrie- und Handelsunternehmen für Arzneimittel, Reformwaren, Nahrungsergänzungsmittel und kosmetische Mittel e.V. (BDIH) sowie verschiedene weitere Siegel privater Standards. Ihnen ist gemein, dass die Inhaltsstoffe, die in Naturkosmetik verwendet werden, so natürlich wie möglich sein sollen. Ziel ist es, überwiegend chemisch unveränderte Rohstoffe aus der Natur einzusetzen. Naturidentische Stoffe sowie Rohstoffe, die einer leichten chemischen Modifikation unterzogen wurden, werden dabei in Einzelfällen toleriert. Dr. Burfeindt betonte allerdings, dass es je nach siegelvergebender Organisation individuelle Unterschiede und Kriterien gibt, die den Herstellern Spielraum für die Umsetzung ihrer eigenen Philosophie lassen.

    Vor zwei Jahren wurde außerdem die ISO Norm 16128-1 „guidelines on technical definitions and criteria for natural and organic cosmetic ingredients and products“ (Leitfaden über technische Definitionen und Kriterien für natürliche und biologische kosmetische Inhaltsstoffe und Produkte) ins Leben gerufen. Diese liefert Dr. Burfeindt zufolge ausführliche Definitionen und Zuordnungen zu Stoffgruppen, stellt aber dennoch keine Richtlinie in Bezug auf den Mindest-Anteil der Naturstoffe in Naturkosmetika dar. Der zweite Teil der Norm befindet sich aktuell noch im Entwurf, wird aber, so der Experte, Berechnungsvorschriften liefern, die es erlauben, standardisiert den Naturstoffgehalt eines naturkosmetischen Mittels zu berechnen und zu kommunizieren.

    Tierversuchsverbot und Alternativmethoden

    Stetig steigende Anforderungen an die Nachweise für die Sicherheit kosmetischer Produkte und ihrer Inhaltsstoffe stellen angesichts des Tierversuchs- und Vermarktungsverbots im EU-Kosmetikrecht eine gewaltige Herausforderung für die innovativen Unternehmen der Kosmetikindustrie dar. Dr. Werner Schuh, Corporate Director Regulatory Affairs bei Henkel, ordnete in seinem Vortrag Gerichtsurteile und offizielle Leitlinien zum Tierversuchs- und Vermarktungsverbot richtig ein und gab einen Überblick über die Verfügbarkeit und Brauchbarkeit alternativer Bewertungs- und Testmethoden.

    Gemäß dem Wortlaut von Artikel 18 (EU-Kosmetikverordnung) sind von dem 2013 endgültig umgesetzten EU-weiten Vermarktungsverbot für in Tierversuchen getestete Kosmetika die Produkte betroffen, die zur Erfüllung der Vorgaben des europäischen Kosmetikrechts getestet wurden. Außerdem verboten ist die Einfuhr und der Verkauf von Kosmetikprodukten, die als solche oder deren Inhaltsstoffe nach dem jeweiligen Stichtag im Tierversuch geprüft wurden, und sofern diese Testergebnisse für die EU-Sicherheitsbewertung verwendet werden. Die Industrie ist damit gezwungen, auf vorhandene Inhaltsstoffe oder tierversuchsfreie Testmethoden umzusteigen. Wie Dr. Werner Schuh erklärte, sind Tierversuche mit Inhaltsstoffen und Produkten unschädlich für den Rechtsstatus der betroffenen Produkte auf dem europäischen Markt, wenn für die Sicherheitsbewertung nicht auf deren Resultate zurückgegriffen wird. Ebenso unproblematisch sind Tierversuche mit Rohstoffen, die nicht nur im Kosmetikbereich eingesetzt werden, damit als „Chemikalien“ gelten und unter die Chemikalienverordnung REACH fallen.

    In Folge einer Klage der „European Federation for Cosmetic Ingredients“ (EFfCI) entschied der Europäische Gerichtshof im September 2016 zudem, dass die Kosmetikindustrie das im Unionsrecht festgelegte Tierversuchsverbot nicht umgehen kann, indem sie die Tierversuche in Drittländer außerhalb der EU verlagert. Trotzdem ist die Rechtslage dem Experten zufolge nicht zu 100 Prozent klar. So bliebe beispielsweise ungeklärt, ob REACH-Daten, die für Stoffe, die ausschließlich in der Kosmetik verwendet werden, ein Problem darstellen.

    Als Alternativen zu Tierversuchen gelten Dr. Werner Schuh zufolge in-vitro-Methoden, also Methoden, die außerhalb lebender Organismen unter anderem im Reagenzglas durchgeführt werden. Besonders hervorzuheben seien die zuverlässigen Tests in Bezug auf Hautirritationen, hautätzende Wirkung sowie Phototoxizität. Für die Untersuchungen zu Augenreizungen, Hautsensibilisierung sowie Genotoxizität (Erbgutschädigung) gibt es dem Experten zufolge seit vielen Jahren ebenfalls in-vitro-Methoden, die allerdings in manchen Fällen keine 100 prozentige Absicherung liefern. Hier sowie für die Prüfung der Toxizität bei wiederholter Verabreichung oder der Reproduktionstoxikologie müsse noch an der Entwicklung zuverlässiger Ersatzmethoden für Tierversuche gearbeitet werden. Diese erfordern in der Regel eine Kombination von mehreren alternativen in-vitro-Methoden. Hinzu kommt, dass die Anerkennung der Alternativen von der Freigabe der zuständigen Behörden abhängig ist. Voraussetzung hierfür ist eine umfassende Validierung, zum Beispiel im Rahmen des Prüfrichtlinienprogramms der OECD.

    Totalrevision des Schweizer Kosmetikrechts

    Das Schweizer Parlament hat per 20. Juni 2014 die Totalrevision des Lebensmittel- und Kosmetikrechts (Projekt LARGO) beschlossen. Das Anliegen der nationalen Kosmetikindustrie war klar: Angleichung an das entsprechende EU-Recht, soweit für einen nicht-EU-Mitgliedstaat möglich. Nun traten die Neuerungen am 1. Mai 2017 in Kraft. Was aus dieser Ausgangslage entstanden ist und welche Abweichungen zu EU Recht weiterhin bestehen, erklärte der Geschäftsführers des Schweizerischen Kosmetik- und Waschmittelverbandes SKW, Dr. Bernard Cloëtta.

    Wie Dr. Bernard Cloëtta berichtete, wurde das Kosmetikrecht der Schweiz umfassend dem EU-Kosmetikrecht angepasst. Neu ist unter anderem die Einführung des Täuschungsverbotes für kosmetische Mittel. Warnhinweise und Produktinformationen müssen nun nicht mehr in den drei Amtssprachen der Schweiz aufgedruckt werden. Es genüge eine Amtssprache, „oder eine andere Sprache, wenn der Verbraucher damit genügend klar und unmissverständlich informiert wird“. Zudem wichtig für Hersteller: Das Herkunftsland muss auf den Produkten nicht angegeben werden, hingegen eine Adresse des Herstellers, die allerding nicht in der Schweiz zu sein braucht. Es gibt in der Schweiz kein Kosmetovigilanz System wie in der EU, wohl aber eine Meldepflicht an die Behörden, welche gegebenenfalls die Öffentlichkeit informiert. Vorsicht ist bei der Bezeichnung „verantwortliche Person“ geboten: Dr. Bernard Cloëtta erklärte, dass diese in der Schweiz die (natürliche) Person meint, die im Betrieb als Kontaktperson zu den Behörden fungiert. Sie muss intern „bezeichnet“ und kann im Voraus der Behörde gemeldet werden. Sie ist damit nicht gleichzustellen mit der verantwortlichen Person in der EU, die hier die Einhaltung der in der EU-Kosmetikverordnung aufgeführten Verpflichtungen zu gewährleisten hat. Diese Person wird im Schweizer Recht der „Bevollmächtigte“ genannt.

    Als Sensation der Revision bezeichnete der Experte die „dynamischen Verweise“ auf das EU-Recht, die eine zeit- und inhaltsgleiche Umsetzung von gesetzlichen Änderungen in der Schweiz möglich machen. Betroffen sind die Anhänge der EU-Kosmetikverordnung. Ausnahmen von diesem Prinzip sollen explizit von den Behörden kommuniziert werden. Außerdem von der EU-Gesetzgebung übernommen wurden die Anforderungen an die Sicherheitsbewertung und die Auflagen für Sicherheitsbewerter.

    Die Übergangsfristen ab Inkraftsetzung sind Dr. Bernard Cloëtta zufolge unterschiedlich angesetzt. Für die Anpassung der Sicherheitsberichte an die EU-Normen beispielsweise, die für Schweizer Herstellern aufwendig umzusetzen sind, wurde eine Frist von vier Jahren angesetzt.

    Brexit: Mögliche Lösungen für die Kosmetikindustrie

    Dr. Chris Flower, Director General des britischen Kosmetikverbands CTPA (Cosmetic Toiletry & Perfumery Association) zeigte in seinem Vortrag die rechtlichen Auswirkungen des Brexit für die Kosmetikindustrie sowohl in der EU als auch in Großbritannien auf. Er gab zunächst einen kurzen Überblick über die nationale Kosmetikindustrie und die Verflechtungen Großbritanniens mit Europa. So lag das britische Exportvolumen von Kosmetikprodukten in die EU im Jahr 2016 bei 1,2 Milliarden Pfund. Großbritannien stellt den zweitgrößten Kosmetikmarkt der EU dar und beschäftigt 200.000 Menschen in der Branche. Außerdem machen die Exporte in die EU rund 66 Prozent aller Gesamtexporte Großbritanniens aus. Umgekehrt kommen rund 67 Prozent aller Importe aus der EU. Künftige Handelsvorschriften haben dem Experten zufolge also enorme Auswirkungen sowohl auf den britischen als auch den europäischen Markt.

    In Bezug auf den Handel muss sich die britische Kosmetikindustrie für die Übergangszeit vor und nach dem Brexit drei zentralen Aufgaben stellen, so Dr. Chris Flower. Das erste Ziel der CTPA ist, so lange in der europäischen Zollunion zu bleiben, bis ein Freihandelsabkommen mit der EU vereinbart werden kann. Das garantiert dem Experten zufolge eine effiziente Zulieferkette. Die zweite Forderung wäre eine vernünftige schrittweise Umsetzung von Handelsveränderungen und damit rechtliche Sicherheit in der Zeit zwischen dem Verlassen der EU und der Unterzeichnung eines Freihandelsabkommens. Das minimiere die Auswirkungen auf die Industrie sowie finanzielle Schwierigkeiten für Unternehmen. Die dritte Aufgabe ist es, eine Verwaltungszusammenarbeit zwischen Großbritannien und der EU aufrechtzuerhalten, um Handelshemmnisse für Kosmetik zu vermeiden, so Dr. Chris Flower.

    Was die EU-Kosmetikverordnung betrifft, so stellte sich die CTPA die Frage, wie eine „Post-Brexit-Verordnung“ für Großbritannien aussehen könnte. Dr. Chris Flower stellte für eine neue britische Regelung mehrere Optionen vor. Seine Präferenz lag dabei auf einer Kosmetikverordnung, die der europäischen Verordnung in allen Punkten gleicht. Das sei die beste Lösung, um weiterhin sichere und einheitlich regulierte Kosmetikprodukte anbieten zu können.

    Quellen: Dr. Jens Burfeindt, Wissenschaftlicher Koordinator, Industrieverband Körperpflege- und Waschmittel e.V. (IKW), in seinem Vortrag „Naturkosmetik - Gesetze, Standards, Siegel und Normen“ am 22. Juni 2017 im Fachprogramm der CosmeticBusiness

    Dr. Werner Schuh, Corporate Director Regulatory Affairs, Henkel, in seinem Vortrag „Bericht über den aktuellen Stand zu Tierversuchen und Alternativen“ am 22. Juni 2017 im Fachprogramm der CosmeticBusiness

    Dr. Bernard Cloëtta, Geschäftsführer, Schweizerischer Kosmetik- und Waschmittelverband (SKW), in seinem Vortrag „Totalrevision des Schweizer Kosmetikrechts 2017“ am 22. Juni 2017 im Fachprogramm der CosmeticBusiness

    Dr. Chris Flower, Director General, The Cosmetic Toiletry & Perfumery Association (CTPA), in seinem Vortrag „Getting the best from Brexit“ am 22. Juni 2017 im Fachprogramm der CosmeticBusiness

    Foto: Leipziger Messe GmbH / Jens Schlüter

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